Wünschelruthe

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst Du nur das Zauberwort

Josef von Eichendorff
Das Leben ein Gesang

Daß mein Leben ein Gesang,
Sag ich`s nur!, geworden;
Jeder Sturm und jeder Drang
Dient ihm zu Akkorden.

Was mir nicht gesungen ist,
Ist mir nicht gelebet;
Was noch nicht bezwungen ist,
Sei noch angestrebet!

Von der Welt, die mich umringt,
Wüßt ich unbezwingbar
Wen`ges nur; die Seele klingt,
Und die Welt ist singbar.

Friedrich Rückert
Aussöhnung

Die Leidenschaft bringt Leiden !  - Wer beschwichtigt
Beklommnes Herz das allzuviel verloren ?
Wo sind Stunden, überschnell verflüchtigt ?
Vergebens war das Schönste dir erkoren !
Trüb` ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen !

Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön´ um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew`ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,
Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sich – o daß es ewig bliebe ! –
Das Doppel-Glück der Töne wie der Liebe.

Johann Wolfgang von Goethe

Tausend Künste kennt der Teufel, aber singen kann er nicht;
denn Gesang ist ein Bewegen unserer Seele zu dem Licht.

Max Bewer

Flötenspiel

Ein Haus bei Nacht durch Strauch und Baum
ein Fenster leise schimmern liess,
und dort im unsichtbaren Raum
ein Flötenspieler stand und blies.

Es war ein Lied so altbekannt,
es floss so gütig in die Nacht,
als wäre Heimat jedes Land,
als wäre jeder Weg vollbracht.

Es war der Welt geheimer Sinn
in seinem Atem offenbart.
und willig gab das Herz sich hin,
und alle Zeit ward Gegenwart.

Herrmann Hesse
An die Musik

Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen
enden. Du Zeit,
die senkrecht steht auf der Richtung
vergehender Herzen.

Gefühle zu wem ? O du der Gefühle
Wandlung in was ? - : in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser,
das, uns übersteigend, hinausdrängt, -
heiliger Abschied:
da uns das Innre umsteht
als geübteste Ferne, als andre
Seite der Luft:
rein,
riesig,
nicht mehr bewohnbar.

Rainer Maria Rilke
(München 1918)
Du, selbst Musik, mit Unlust lauschst Du ihr ?
Lust liebt die Lust, Süß ist nicht feind dem Süßen.
Empfängst du lieblos, was geliebt von dir,
Und, was verhaßt dir ist, mit holden Grüßen ?

Quält treugestimmter Töne Harmonie,
Verbunden im Zusammenklang, dein Ohr,
So wisse : Dich mit Zartheit schelten sie,
Weil du für dich nur singst und nicht im Chor.

Aus süß verbundnen Saiten höre klingen
In wechselseitiger Ordnung Ton auf Ton,
Als ob ein holdes Lied beseligt singen
Vereinigt Alle, Vater, Mutter, Sohn.

Und wortlos singen Viele, als wär`s Einer,
Dir dieses Lied : “ Du Einzelner bist Keiner.“

Shakespeare, Sonett
Über Musik

„Ein Wort, das von der Seele nicht erlebt wird, ist ein totes Wort, und ein Gefühl, das nicht der Schoß eines Gedankens ist, ist vergeblich.

Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart verschlossenen Pforten vergeblich geklopft hat.

Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen. (...)

Richtig Musik hören verlangt ein ganzes Sichhingeben an sie, ein Sichlösen von allem, was mich bis jetzt noch gefangen hielt, ein kindliches Herz ohne Vernünftelei und Suchen nach Hintergedanken,

und der Lohn ist ein losgelöstes Herz, ein unbefangenes Herz, ein Herz, das empfindlich geworden ist für Harmonie und das Harmonische, ein Herz, das seine Türe geöffnet hat dem Wirken des Geistes.“

Sophie Scholl
Briefliche Ausführungen vom Winter 1941/42
„Sag mal“, fragte Momo Meister Hora schließlich, „was ist denn die Zeit selbst – sie muss doch irgendetwas sein. Es gibt sie doch. Was ist sie denn wirklich?“ „Es wäre schön“, sagte Meister Hora, „wenn du auch das selbst beantworten könntest.“

Momo überlegte lange. „Sie ist da“, murmelte sie gedankenverloren, „das ist jedenfalls sicher. Aber anfassen kann man sie nicht. Und festhalten auch nicht. Vielleicht ist sie so etwas wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas, das immerzu vorbeigeht. Also muss sie auch irgendwo herkommen. Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein! Jetzt weiß ich’s! Vielleicht ist sie eine Art Musik, die man bloß nicht hört, weil sie immer da ist. Obwohl, ich glaub, ich hab sie schon manchmal gehört, ganz leise.“ „Ich weiß“, nickte Meister Hora, „deswegen konnte ich dich ja zu mir rufen.“

„Aber es muss noch etwas anderes dabei sein“, meinte Momo, die dem Gedanken noch weiter nachhing, „die Musik ist nämlich von weit her gekommen, aber geklungen hat sie ganz tief in mir drin. Vielleicht ist es mit der Zeit auch so, ich meine, so wie die Wellen auf dem Wasser durch den Wind entstehen. Ach, das ist wahrscheinlich alles Unsinn, was ich da rede!“ „Ich finde“, sagte Meister Hora, „das hast du sehr schön gesagt.“

Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: “Warum hast du eigentlich all diese vielen Uhren gesammelt?“ „Diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir“, erwiderte Meister Hora. „ Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so, wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen, und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben.“

Aus ‚Momo’ von Michael Ende